Jeder, der schon einmal eine Prüfung absolviert hat, kennt sie: Die Angst vor dem Prüfer. Besonders im staatlichen Bereich kursieren gravierende Mythen und Sagen über die Missgunst und die einschüchternde Seriosität von juristichen Pflichtfachprüfern. Hiermit soll nun Schluss sein. Wir wollen in einem Interview mit einer ehemaligen, langjährigen Prüferin vom Juristichen Prüfungsamt die Klischees ausräumen, die unter Studentinnen und Stundenten mit Furcht und Schrecken verbreitet werden. Dazu haben wir einige Fragen gestellt, die Ihnen einen Einblick in die Perspektive Ihres „Gegners“, nämlich Ihres Prüfers, geben sollen. Dabei soll es vor allem um die mündliche Prüfung gehen, bei der Sie Ihrem Prüfer direkt gegenüber sitzen und bei der es daher besonders darauf ankommt, dass sie souverän und angstfrei sind.


Wollen Prüferinnen und Prüfer den Prüflingen im Staatsexamen wirklich immer etwas Böses? 

Nein, im Gegenteil: Oft sind Prüferinnen und Prüfer grundsätzlich wohlwollend gesinnt! Niemand hat Spaß daran, einen Prüflingen durchfallen zu lassen. Damit Sie bestehen, müssen Sie aber trotzdem eine bestimmte Leistung erbringen. Dieses zu tun, liegt maßgeblich an Ihnen. Die Prüferinnen und Prüfer versuchen Ihnen, wenn Sie nicht weiter wissen, sogar gerne auf die Sprünge, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, vorhandenes Wissen zu präsentieren. Haben Sie deshalb keine Angst vor unbeantwortbaren Fragen von einzelnen Prüfern, diese werden auch von der Prüfungsleitung wahrgenommen und später in besonderen Fällen sogar aus der Bewertung ausgeschlossen, wenn es selbst den Prüfern schwer fiele, sie zu beantworten. Wichtig ist, nicht nichts zu sagen, denn dann geben Sie zu erkennen, dass Sie auch über nichts nachdenken und keinen Ansatz haben, sodass die Prüferinnen und Prüfer keinerlei Bewertungsbasis oder Möglichkeit zum Unterstützen haben. Denken Sie daher laut und leiten Sie so ihren Lösungsweg her.

 

Was sind Tipps, die man als nervöser Prüfling in der mündlichen Examensprüfung unbedingt beachten sollte, um einen souveränen Eindruck zu machen?

Um beim Äußeren zu beginnen: Sie sollten sich für ein konservatives Outfit entscheiden, das heißt bei Frauen Kostüm oder Anzug, Röcke sollten dabei auf jeden Fall über das Knie reichen. Tragen Sie auch keine tiefen Ausschnitte, auffällig viel Schminke, Schmuck, und übertreiben Sie es wenn möglich auch nicht mit dem Parfüm. Alles hat es schon in der übertriebenen Form gegeben, was für beide Seiten im Laufe der Prüfung unangenehm wurde. Seien sie deshalb um ein dezentes, aber dennoch gepflegtes Äußeres bemüht, es kommt auf ihr Äußerliches darüber hinaus sowieso nicht an. Lediglich wenn Sie negativ auffallen, kann es Ihnen zum Nachteil werden. Bei Männern gilt es, einen Anzug zu tragen und nach Belieben eine Krawatte. Ansonsten gilt dasselbe.

Auch muss man heute (leider) dazusagen, dass Sie Ihre Prüfer grüßen sollten, wenn Sie den Saal betreten. Kommen Sie nicht überstürzt in den Raum gehastet und eilen zu Ihrem Platz, sondern nehmen Sie sich Zeit, die Tür zu schließen, alle Anwesenden zu grüßen (in Coronazeiten sollte ein „Hallo“ genügen) und gehen Sie dann langsam und gesittet zu Ihrem Platz, wo Sie sich in Ruhe Ihre Sachen bereitlegen. Die Prüfung beginnt nicht erst, wenn Sie zu sprechen beginnen, sondern ab dem Zeitpunkt, in dem Sie in den Prüfungsraum eintreten.

Sagen Sie niemals „Weiß ich nicht“ oder gar nichts, wenn Ihnen eine Antwort nicht ad hoc bereit liegt. Leiten Sie stattdessen Ihre Lösung laut her und teilen sie mindestens mit, worüber Sie nachdenken, damit Sie unterstützt werden können. Oft sind sinnvolle Ansätze schon viel wert und werden von den Prüferinnen und Prüfern als etwas Positives gesehen. Wo Sie nicht weiter wissen, kann dann ggfs. ein anderer Prüfling ansetzen und die Lösung fortführen. 

Versuchen Sie nicht, den Prüferinnen und Prüfern die richtige Antwort aus dem Gesicht abzulesen, sondern sagen Sie, was Ihre Gedanke zu der Prüfungsfrage sind. Aussagen wie „Ich weiß nicht, ob es das ist, was Sie hören wollen, aber...“ wirken unsouverän und es ist zudem nicht der Sinn und Zweck der Prüfung, dass Sie exakt das sagen, was die Prüferinnen und Prüfer sich denken. Trauen Sie sich deshalb, auch gewagte Thesen in den Raum zu stellen, über die Sie sich nicht sicher sind. Selbstbewusstes Antworten wird trotz fehlerhaftem Inhalt immer noch als etwas Positives gesehen, was in die Prüfungsbewertung mit einfließt. 

Lassen Sie Ihre Hände locker vor sich auf dem Tisch liegen, etwa links und rechts von dem Gesetz mit dem Sie arbeiten. Wenn Sie sich dadurch nicht sicher genug fühlen, nehmen Sie einen Stift hinzu. Sie sollten aber weder die Arme verschränken, noch die Hände unter Ihre Beine stecken, unterm Tisch verstecken oder ähnliches. Sorgen Sie deshalb mithilfe Ihrer Körpersprache für ein souveränes Gesamtbild.

 

Gibt es irgendetwas, was sehr schlecht bei den Prüfern ankommt bzw. Verhaltensweisen, die sich negativ auf die Prüfungsbewertung auswirken? 

Seien Sie sozial im Umgang mit Ihren Mitprüflingen

Gehen Sie mit Ihren Mitprüflingen freundlich um, Ihr Sozialverhalten wird von den Prüferinnen und Prüfern wahrgenommen und fließt in Ihre Bewertung mit ein. 


Helfen Sie den anderen und korrigieren Sie diese nicht nur 

Dazu zählt, dass Sie Ihren Mitprüflingen nicht ins Wort fallen, wenn Sie etwas Falsches sagen. Dies wird nicht als positiv bewertet und gesehen. Im Gegenteil sollen sie soziale Kompetenz auch dadurch beweisen, dass Sie dem anderen gerade nicht das Gefühl geben, etwas Schlechtes und vollkommen Abwegiges gesagt zu haben, sondern ihm unter die Arme greifen (wenn Sie gefragt sind) bzw. dem Prüfer signalisieren, dass Sie dem noch etwas hinzufügen möchten.
 

Warten Sie auf Ihren Einsatz

In der Prüfung sollten Sie grundsätzlich nur dann sprechen, wenn Sie auch gefragt wurden. Wenn eine Frage an andere Prüflinge im Raum gerichtet ist, sollten Sie nicht, nur weil Sie die Antwort parat haben, dem anderen Prüfling die Möglichkeit zum Antwort nehmen und hereinrufen. Seien Sie geduldig, auch wenn Sie gerne etwas Richtiges sagen möchten. Wenn Sie dem Prüfer rechtzeitig signalisieren, dass Sie etwas zu sagen haben, wird er sie ggfs. dazu aufrufen, dies zu tun. Ansonsten reden Sie nicht. 

Sehen Sie sich hierzu auch gerne unser entsprechendes Youtube-Video mit dem Interview in voller Länge an: 


Ihr Team der Akademie Kraatz

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